Im letzten Jahr saß ich in einer Abifeierlichkeit..
Junge Menschen in feiner Kleidung. Eltern mit glänzenden Augen. Lehrer, die erleichtert wirkten. Irgendwo zwischen Stolz, Wehmut und der Erkenntnis, dass wieder ein Kapitel zu Ende geht.
Es war nicht das erste Mal, dass ich diesen Moment erlebt habe.
Im Jahr 1995 stand ich selbst dort. Abiturient. Das Zeugnis in der Hand, den Blick nach vorn gerichtet und die stille Überzeugung im Kopf, dass das Leben nun langsam Form annehmen würde. Schule, Ausbildung oder Studium, Beruf, Karriere, Familie. So ungefähr stellte man sich das damals vor. Es klang logisch. Fast schon selbstverständlich.
Über dreißig Jahre später durfte ich denselben Moment noch einmal erleben. Diesmal als Vater. Meine beiden Töchter hatten ihr Abitur in der Tasche. Ich saß im Publikum, sah ihre Freude, ihre Erwartungen und ihre Fragen – und musste unwillkürlich schmunzeln.
Denn zwischen meinem Abitur und dem meiner Töchter liegen Welten.
Damals gab es kein Smartphone in der Hosentasche. Kein Internet, das jede Information in Sekunden verfügbar machte. Keine künstliche Intelligenz, die Texte schreibt, Bilder erzeugt oder ganze Berufe verändert. Die Welt von heute hätte für meinen Jahrgang wie Science-Fiction gewirkt.
Und doch hörte ich bei den Abschlussreden fast dieselben Sätze wie damals.
„Finde deinen Weg.“
„Verwirkliche deine Träume.“
„Die Zukunft gehört euch.“
Das klingt schön. Vielleicht zu schön.
Denn hinter diesen Sätzen steckt eine Annahme, die kaum jemand hinterfragt: die Vorstellung, dass irgendwo da draußen ein vorgezeichneter Weg auf uns wartet. Als wäre das Leben eine Schatzsuche und unsere Aufgabe bestünde lediglich darin, die richtige Karte zu finden.
Je älter ich werde, desto weniger glaube ich daran. Heute denke ich, dass wir im Leben keine Geschichte finden. Wir schreiben eine. Und wir schreiben sie ständig neu.
Genau deshalb ist die Zeit nach dem Abi so spannend. Zum ersten Mal verschwinden die klaren Regeln. In der Schule gab es Stundenpläne, Lehrbücher und richtige Antworten. Außerhalb der Schule wird alles unübersichtlicher. Und irgendwann stellt man fest, dass selbst Erwachsene erstaunlich selten wissen, wovon sie eigentlich reden.
Die meisten bewegen sich in Geschichten. In Geschichten über Erfolg. Über Geld, Sicherheit, Karriere. Über das angeblich richtige Leben. Manche dieser Geschichten sind hilfreich. Andere werden zu Käfigen. Die meisten werden einfach weitergegeben, weil sie schon immer weitererzählt wurden.
Vielleicht besteht Bildung deshalb gar nicht darin, möglichst viele Antworten zu kennen. Vielleicht besteht Bildung darin, zu erkennen, dass viele Antworten nur vorläufige Beschreibungen der Welt sind.
Wer das verstanden hat, verliert die Angst davor, seinen Kurs zu ändern. Dann wird ein Umweg nicht mehr zum Scheitern. Ein Irrtum nicht mehr zur Katastrophe. Und ein Neuanfang nicht mehr zur Niederlage.
Wenn ich heute auf mein eigenes Abitur zurückblicke und gleichzeitig auf meinen Weg und den meiner Töchter schaue, dann erscheint mir genau das als die wertvollste Erkenntnis: Das Leben belohnt selten diejenigen, die früh den perfekten Plan gefunden haben.
Es belohnt häufiger diejenigen, die neugierig geblieben sind. Die bereit waren, dazuzulernen. Die den Mut hatten, alte Überzeugungen loszulassen und ihre Geschichte neu zu schreiben.
Das Abitur ist deshalb kein Ziel. Es ist die freundliche Mitteilung, dass ab heute niemand mehr den Stundenplan für dein Leben schreibt. Und genau darin liegt die Freiheit. Aber auch die Verantwortung.
Herzlichen Glückwunsch zum Schulabschluss. Nicht weil du angekommen bist. Sondern weil jetzt der interessante Teil beginnt.