Der Cantillon-Effekt: Wie neues Geld alte Ungleichheit verstärkt
Die moderne Geldpolitik verkauft sich gern als technokratische Notwendigkeit. Stabilität sichern, Krisen glätten, Wachstum ermöglichen. Klingt sauber, fast steril. In Wahrheit ist sie ein Verteilungsmechanismus mit eingebauter Schlagseite. Der aktuelle Kontext liefert das perfekte Beispiel: Nach den Inflationsschocks der letzten Jahre stehen Institutionen wie die Europäische Zentralbank und die Federal Reserve im Dauerstress. Zinsen rauf, Zinsen runter, Liquidität rein, Liquidität raus. Die Öffentlichkeit diskutiert über Inflation, Rezession, weiche Landungen. Fast niemand spricht über das eigentliche Problem: die Reihenfolge, in der Geld verteilt wird. Genau hier setzt der Gedanke von Richard Cantillon an. Geld ist nicht neutral. Es war es nie. Und es wird es auch nicht werden, egal wie viele Modelle Volkswirte noch bauen. Der Cantillon-Effekt beschreibt etwas, das so offensichtlich ist, dass es gern übersehen wird: Neues Geld gelangt nie gleichzeitig zu allen. Es tritt an einem bestimmten Punkt ins System ein. Und von dort aus breitet es sich aus wie ein Tropfen Tinte im Wasser – nur dass einige bereits trinken, während andere noch warten, dass überhaupt etwas ankommt. Die ersten Empfänger sind selten die, die es „brauchen“. Es sind Banken, große Unternehmen, Staaten, Finanzakteure. Sie stehen direkt an der Quelle. Wenn frische Liquidität in den Markt gepumpt wird, nutzen sie sie sofort: Sie kaufen Vermögenswerte, treiben Preise, sichern sich Positionen. Währenddessen sitzt der Durchschnittshaushalt nicht an der Quelle, sondern irgendwo weit stromabwärts. Wenn das Geld endlich dort ankommt, hat es bereits seine Wirkung entfaltet. Preise sind gestiegen. Vermögenswerte sind teurer. Kaufkraft ist geschrumpft. Das Ergebnis ist keine klassische Inflation. Es ist eine stille Umverteilung. Die letzten Jahre liefern eine fast lehrbuchhafte Illustration. In der Pandemie wurde massiv Geld geschaffen. Märkte wurden stabilisiert, ja. Aber vor allem wurden sie aufgebläht. Aktienmärkte erreichten Höchststände, Immobilienpreise schossen durch die Decke.