Ein Essay anlässlich der Landratswahl im Landkreis Oberspreewald-Lausitz
In diesen Wochen kündigt sich im Landkreis Oberspreewald-Lausitz ein vertrautes Ritual an. Laternen, Zäune und Verkehrsinseln verwandeln sich in Träger politischer Versprechen. Gesichter blicken ernst, optimistisch oder künstlich volksnah in den öffentlichen Raum. Parolen verdichten komplexe Wirklichkeiten auf wenige Worte. Es ist Landratswahlkampf. Und er ist laut. Mich nerven diese Plakate. Nicht aus ästhetischer Empfindlichkeit, sondern aus einem tieferen Grund: Sie simulieren Orientierung, wo eigentlich Urteilskraft gefragt wäre. Sie appellieren an Emotionen, wo Verantwortung nötig ist. Genau hier beginnt der Konflikt zwischen politischer Praxis und stoischem Denken.
Der Stoizismus ist keine politische Ideologie. Er liefert keine Programme, keine Farben, keine Lager. Er liefert etwas Unbequemeres: eine innere Ordnung. Er zwingt dazu, sauber zu trennen zwischen dem, was in unserer Kontrolle liegt, und dem, was es nicht tut. Wahlen gehören zu den Grenzbereichen. Das Kreuz auf dem Stimmzettel liegt in unserer Verantwortung. Das Ergebnis nicht.
Der moderne Wahlkampf tut so, als ließe sich diese Grenze aufheben. Als könne man durch Zustimmung, Identifikation und moralische Aufladung das Unkontrollierbare beherrschen. Plakate sind der sichtbarste Ausdruck dieses Irrtums. Sie behaupten: Wenn du mich wählst, wird es besser. Der Stoiker hört darin: Wenn du mir glaubst, gibst du dein Urteil ab.
Stoisch zu wählen heißt daher nicht, sich zu entziehen. Es heißt, sich nicht verführen zu lassen. Der Stoiker geht nicht in die Wahlkabine, um seine Identität zu bestätigen, sondern um eine Pflicht zu erfüllen. Nüchtern. Unter Unsicherheit. Ohne Illusion.
Was bedeutet das konkret bei einer Landratswahl?
Ein Landrat ist kein Erlöser, sondern ein Verwalter von Knappheit, Konflikten und begrenzten Zuständigkeiten. Stoisch betrachtet sollte daher nicht gefragt werden: Wer verspricht am meisten?
Sondern: Wer richtet voraussichtlich den geringsten Schaden an? Wer akzeptiert Realität statt Narrative?
Wer arbeitet mit Strukturen, die auch dann funktionieren, wenn Menschen fehlbar sind?
Stoisches Denken misstraut großen Worten. Es bevorzugt robuste Prozesse. Es sucht nicht das Gute im moralischen Sinn, sondern das Tragfähige im Praktischen. In diesem Licht wirken viele Wahlplakate nicht nur nervig, sondern intellektuell unerquicklich. Sie verlangen Zustimmung, wo Prüfung nötig wäre.
Hinzu kommt etwas Zweites: die emotionale Dauerbeschallung. Dauerhafte Empörung, künstliche Dringlichkeit, moralischer Alarmismus. Der Stoiker weiß, was das kostet. Aufmerksamkeit ist endlich. Innere Ruhe ist kein Luxus, sondern Voraussetzung für klares Urteil. Wer sich wochenlang von Plakaten, Schlagzeilen und Parolen affektiv treiben lässt, hat seine Selbstführung bereits delegiert.
Stoisch wählen heißt deshalb auch: Distanz wahren. Die Plakate sehen. Sie zur Kenntnis nehmen. Und innerlich beiseitelegen. Sie sind Teil des Spiels, nicht Teil der Wahrheit.
Am Ende bleibt eine unspektakuläre Handlung. Ein Kreuz. Kein Pathos. Kein Sendungsbewusstsein. Danach Rückzug aus der Aufgeregtheit. Der Stoiker verteidigt seine Wahl nicht auf Grillfesten und in Kommentarspalten. Er hat gehandelt. Mehr schuldet er dem System nicht.
Vielleicht ist genau das der eigentliche Affront des Stoizismus in einer politisierten Zeit: Er entzieht sich der Dauererregung. Er verweigert die Verschmelzung von Moral und Macht. Er akzeptiert, dass Ordnung nicht aus Plakaten entsteht, sondern aus Charakter, Maß und Verantwortung.
Die Plakate werden wieder verschwinden. Der Landkreis wird weiter existieren. Entscheidungen werden getroffen werden, gute und schlechte. Der stoische Bürger weiß: Seine Würde hängt nicht an Gesichtern auf Laternenmasten, sondern an der Art, wie er mit Unsicherheit umgeht.
Und das ist, bei allem Lärm, eine erstaunlich ruhige Position.