Die deutsche Sozialversicherung ist kein soziales Meisterwerk. Sie ist ein historischer Kompromiss. Geboren aus einer Zeit, in der Arbeit knapp war, Menschen zahlreich und Maschinen dumm. Dieses Setting existiert nicht mehr. Trotzdem tun wir so, als ließe sich die Zukunft mit Rechenmodellen aus den 1960ern verwalten.
Das Problem ist nicht Demografie. Das Problem ist Architektur.
Unser Sozialstaat basiert fast vollständig auf einem einzigen Träger: menschlicher Lohnarbeit. Wer arbeitet, zahlt. Wer nicht arbeitet, kostet. Diese Logik war funktional, solange Wertschöpfung an menschliche Arbeitskraft gebunden war. Genau diese Kopplung löst sich gerade auf. Schnell. Irreversibel.
KI schreibt Texte, analysiert Daten, ersetzt ganze Abteilungen. Robotik produziert rund um die Uhr, ohne Krankheit, ohne Rente, ohne Pflegefall. Automatisierung skaliert Wertschöpfung, ohne Menschen zu benötigen.
Das Ergebnis ist paradox und politisch brisant: Noch nie wurde so viel Wert erzeugt. Noch nie war das Sozialsystem so schlecht finanziert.
Nicht, weil es an Geld fehlt. Sondern weil es am falschen Ort gesucht wird.
Die große Fehlannahme
Der Sozialstaat behandelt Arbeit wie eine unerschöpfliche Ressource. Das ist sie nicht. Arbeit wird effizienter, seltener, austauschbarer. Wertschöpfung dagegen verlagert sich in Kapital, Software, Netzwerke und Skaleneffekte.
Roboter zahlen keine Beiträge. Algorithmen haben keine Sozialversicherungsnummer. KI kennt keinen Tarifvertrag.
Trotzdem tragen genau sie den Produktivitätszuwachs, von dem der Staat lebt. Das ist kein ethisches Problem, sondern ein mathematisches. Man kann Gleichungen ignorieren. Man kann sie nicht austricksen.
Warum das System fragil ist
Ein fragiles System bricht unter Stress. Unser Sozialversicherungssystem liebt Stress geradezu.
- Es hängt an einer schrumpfenden Erwerbsbasis.
- Es wird politisch überversprochen und ökonomisch unterlegt.
- Es reagiert auf Veränderungen mit höheren Abgaben statt strukturellen Anpassungen.
Je mehr Technologie Arbeit ersetzt, desto höher werden Beiträge und Steuern auf die verbleibende Arbeit. Das bestraft genau jene, die das System noch tragen. Die Folge ist Abwanderung, Schwarzarbeit, innere Kündigung. Das System frisst seine eigene Basis.
Das ist kein Unfall. Das ist Design.
Ein antifragiles System versucht nicht, den Status quo zu konservieren. Es nutzt Schocks als Rohstoff.
Technologischer Fortschritt ist kein Feind sozialer Sicherheit. Er ist ihre einzige realistische Finanzierungsquelle. Aber nur, wenn man ihn korrekt einbindet.
Ein antifragiles Sozialmodell folgt drei klaren Prinzipien:
Erstens: Wert statt Arbeit erfassen.
Nicht die menschliche Arbeitsstunde ist die relevante Größe, sondern der erzeugte Mehrwert. Wo Skalierung stattfindet, dort entsteht Finanzierungsfähigkeit. Plattformökonomie, Automatisierung, Kapitalrenditen. Wer vom System profitiert, beteiligt sich am System.
Zweitens: Kapitaldeckung statt Umlageillusion.
Umlagesysteme sind Wetten auf zukünftige Beitragszahler. In einer alternden, automatisierten Gesellschaft ist das ein riskantes Spiel. Antifragilität entsteht durch reale Rücklagen: Produktivvermögen, Beteiligungen, Sachwerte. Soziale Sicherheit braucht Eigentum, nicht nur Versprechen.
Drittens: Dezentralisierung der Vorsorge.
Zentralistische Zwangssysteme sind bequem, aber träge. Wahlfreiheit, Modularität und individuelle Verantwortung erhöhen Robustheit. Nicht jeder braucht dasselbe. Nicht jeder Lebensweg folgt der Normbiografie.
Stell dir zwei Gesellschaften vor.
Die erste klammert sich an das alte Modell. Arbeit wird immer teurer, Innovation immer stärker reguliert, Leistung immer weiter nivelliert. Der Sozialstaat wächst, während seine Basis schrumpft. Stabilität wird versprochen, Instabilität produziert.
Die zweite Gesellschaft akzeptiert technologische Realität. Sie entkoppelt soziale Sicherheit von Erwerbsarbeit, beteiligt Bürger an Produktivkapital und nutzt Automatisierung als Finanzierungsquelle statt als Bedrohung.
Beide Gesellschaften erleben denselben Technologieschock. Nur eine überlebt ihn.
Die Sozialversicherung ist kein Naturgesetz. Sie ist ein System. Und Systeme dürfen ersetzt werden, wenn sie nicht mehr funktionieren.
Die eigentliche Frage lautet nicht, ob KI und Robotik unsere Sozialsysteme gefährden.
Die Frage ist, warum wir ein System verteidigen, das ohne menschliche Arbeit nicht überlebensfähig ist, während wir alles daran setzen, menschliche Arbeit überflüssig zu machen.
Das ist kein Zukunftsproblem.
Das ist ein Denkproblem.