Wenn ich auf Deutschland blicke und dann auf die Spannungen rund um Iran, frage ich mich ernsthaft, ob wir geopolitische Risiken für ein optionales Downloadable Content (DLC - Zusatzinhalt) halten. So etwas, das man sich später vielleicht dazu kauft. Vielleicht. Wenn es gerade ins Narrativ passt.
Ein Konflikt im Nahen Osten ist für Deutschland kein abstraktes Außenpolitikthema. Er ist eine direkte Energiefrage. Und Energie ist in einer Industrienation keine Nebensache. Sie ist die Grundlage von allem. Chemie, Stahl, Mittelstand, Exportmodell. Wenn es in der Straße von Hormus knallt, betrifft das nicht nur Tanker. Es betrifft unsere gesamte Wertschöpfungskette.
Und jetzt kommt der bittere Teil: Wir haben uns in den letzten Jahren freiwillig fragiler gemacht. Während andere Länder über Resilienz nachdenken, haben wir moralische Wohlfühlpolitik betrieben. Kernkraftwerke abschalten, gleichzeitig auf Gas setzen, dann überrascht feststellen, dass Gas geopolitisch ist. Energiepolitik als emotionales Statement. Physik als Nebendarsteller.
Ich höre ständig das Wort Transformation. Klingt heroisch. In der Praxis heißt es: hohe Strompreise, Abwanderung energieintensiver Industrie und eine strategische Abhängigkeit, die man mit gutem Gewissen kaschiert. Man kann eine Volkswirtschaft nicht mit Symbolpolitik betreiben. Energie ist kein Hashtag.
Wenn es zu einer ernsthaften Eskalation zwischen Iran, Israel und den USA kommt, steigen Öl- und Gaspreise nicht ein bisschen. Sie springen. Und ein Land mit ohnehin hohen Energiepreisen bekommt dann nicht ein Problem. Es bekommt mehrere gleichzeitig: Inflation, Wettbewerbsverlust, soziale Spannungen.
Was mich fassungslos macht, ist die Selbstgewissheit vieler deutscher Politiker. Man spricht von wertebasierter Außenpolitik, als würden Märkte und Geografie moralische Argumente respektieren. Märkte interessieren sich nicht für Gesinnung. Sie reagieren auf Knappheit und Risiko. Punkt.
Deutschland verhält sich wie ein hochverschuldeter Hedgefonds, der glaubt, Volatilität sei ein temporäres Phänomen. Dabei leben wir in einer Welt mit fetten Enden. Extremereignisse sind nicht die Ausnahme, sie dominieren die Bilanz. Und unsere politische Klasse plant, als gäbe es nur Mittelwerte.
Das eigentliche Problem ist nicht der mögliche Krieg. Das Problem ist, dass wir strukturell keine Puffer haben. Kaum strategische Reserven, kaum echte Redundanz, kaum Demut vor nicht-linearen Risiken. Wir haben Effizienz maximiert und Robustheit minimiert. Das ist keine Transformation. Das ist ein Experiment mit offenem Ausgang.
Ich sehe eine Industrienation, die glaubt, man könne Wohlstand politisch beschließen und Energiepreise ignorieren. Die Realität ist weniger kooperativ. Wenn geopolitische Spannungen eskalieren, wird nicht die Moral getestet. Es wird getestet, wer robuste Systeme gebaut hat und wer auf Narrative gesetzt hat.
Und genau hier liegt der schwarze Schwan: nicht im Konflikt selbst, sondern im Glauben deutscher Entscheidungsträger, sie könnten komplexe, globale Risiken mit innenpolitischen Schlagworten managen. Systeme ohne Puffer brechen. Und wir haben in den letzten Jahren erstaunlich konsequent an genau diesen Puffern gespart.