„Christi Himmelfahrt – ist er jetzt weg, oder was?“
Diese Frage wirkt im ersten Moment fast naiv, öffnet aber einen erstaunlich weitreichenden Raum. Was bedeutet „weg sein“ eigentlich und woran erkennen wir Gegenwart?
Die biblischen Erzählungen rund um Auferstehung und Himmelfahrt arbeiten stark mit Bildern. Jesus isst mit seinen Jüngern, wird am Brotbrechen erkannt, erscheint plötzlich in verschlossenen Räumen und trägt zugleich die Spuren seiner Wunden. Nichts daran ist rein „körperlich“ im modernen Sinn gemeint und doch geht es genau um das Körperliche als Erfahrungsraum von Beziehung, Vertrauen und Wiedererkennen.
Auffällig ist: Die Wundmale verschwinden nicht. Sie bleiben sichtbar und werden gerade dadurch zum Erkennungszeichen. Das legt eine tiefere Deutung nahe: Heilung bedeutet nicht das Auslöschen von Brüchen, sondern ihre Verwandlung in etwas, das Sinn und Verbindung stiften kann.
Auch Thomas steht dafür exemplarisch. Sein Zweifel ist kein Mangel, sondern der Versuch, Wirklichkeit wirklich zu begreifen und sich nicht nur auf das zu verlassen, was andere erzählen. Und Maria von Magdala erkennt Jesus daran, dass er sie beim Namen ruft, und nicht an seiner äußeren Gestalt, wodurch deutlich wird, dass Beziehung hier entscheidend ist.
Die Texte bewegen sich dabei bewusst zwischen Erfahrung und Bildsprache: Stürme, die sich legen, Kranke, die wieder aufstehen, Geschichten von Leben und Tod, die weniger klare Gegensätze sind, als wir heute oft annehmen. In der Antike war diese Grenze durchlässiger gedacht, weil Krankheit, Bewusstlosigkeit und Tod anders eingeordnet wurden als in unserem heutigen Verständnis.
Vor diesem Hintergrund wird auch die Frage nach der Himmelfahrt verständlich, denn sie beschreibt kein räumliches Verschwinden. Vielmehr geht es um eine veränderte Form von Gegenwart, die im bisherigen Sinn nicht mehr greifbar ist und dennoch wirksam bleibt und erfahren werden kann.
Genau an dieser Stelle trifft die alte Erzählung auf eine sehr gegenwärtige Erfahrung. Sie berührt die Frage, wie Wirklichkeit entsteht, wenn sie nicht allein durch äußere Ereignisse bestimmt wird. Es geht um die Weise, wie wir Bedeutung formen, wie wir Erlebnisse innerlich verarbeiten und wie stark unsere Wahrnehmung durch Bewertungen, Erwartungen und gedankliche Muster geprägt ist. Oft zeigt sich dabei, dass nicht die äußere Situation selbst den Ausschlag gibt, sondern der innere Raum, in dem sie gedeutet und erlebt wird.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Zumutung dieser Texte, dass das Wesentliche sich nicht einfach auflöst, sondern sich verwandelt und dass Vertrauen nicht daran gebunden ist, ob etwas unmittelbar sichtbar ist.
Was bedeutet für dich Gegenwart, wenn sie nicht mehr an körperliche Präsenz gebunden ist?
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Veronika Hübner
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„Christi Himmelfahrt – ist er jetzt weg, oder was?“
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