Ein tiefes Gespräch über Biokinematik, Heilung und was wirklich zählt mit dem Physiotherapeuten und Kongressveranstalter: https://florian-horndasch.de/ Wenn sein "Schmerzen verstehen - Kongress" im April genauso gehaltvoll und inspiriend wird, wie unser Kongress-Interview dafür, dann wird das eine herausragende online-Veranstaltung:
Wenn du Lust hast ein wenig rein zu lesen, zum Beispiel statt unseres Donnerstags Treffens heute, nur zu....😊
Heute führte ich ein Interview für einen Gesundheitskongress im April. Mein Gesprächspartner Florian Horndasch ist selbst Physiotherapeut und kommt ursprünglich aus der Biomechanik - aber unser Gespräch entwickelte sich zu einem Dialog, der weit über die reine Mechanik hinausging.
Was mich dabei besonders gefreut hat: Die Qualität der Fragen und wie wir gemeinsam in die Tiefe gehen konnten. Das Interview dauerte knapp eine Stunde, und ich möchte dir hier die wichtigsten Inhalte und Erkenntnisse teilen.
Der Einstieg: Mein Weg zur Biokinematik
Der Interviewer fragte mich gleich zu Beginn nach meinem Werdegang - und ich merkte wieder, wie prägend meine Ausbildungszeit war.
Das Glück des perfekten Timings
Ich hatte das Riesenglück, dass bei mir am Ort - in Lahr - die Physiotherapieschule war, wo Walter Packi als ärztlicher Direktor tätig war. Für alle, die ihn nicht kennen: Packi ist der Begründer der Biokinematik und hat tausende von Therapeuten im süddeutschen Raum inspiriert.
Was mich an Packi so fasziniert hat: Er hatte ein kohärentes Konzept entwickelt. Während meiner Ausbildung merkte ich immer wieder, dass die verschiedenen Disziplinen - Neurologie, Physiologie, Innere Medizin, Orthopädie - sich Schmerzen alle ein bisschen anders erklären. Packi hatte die Zusammenhänge erkannt und ein stimmiges Gesamtbild geschaffen.
Nach meinem Staatsexamen ging ich mit ein paar anderen zu ihm und sagte: "Herr Packi, hier haben Sie den Salat, wir wollen jetzt mehr wissen von Ihnen." Er gab uns dann ein halbes Jahr lang jede Woche Unterricht in seiner Praxis. Wir durften mit Patienten arbeiten und lernen.
Der zweite Strang: Das Heiler-Netzwerk
Parallel zur Biokinematik hatte ich aber immer wieder Fragen - über Menschsein, über Gesundheit und Heilung, die über das Funktionelle hinausgingen.
Ich wurde fündig in einem internationalen Heilungsnetzwerk in England (International Network for Energy Healing). 12 Jahre lang bin ich tief eingetaucht, war in verschiedenen Ländern unterwegs, habe Heiler kennengelernt und mich selbst zu einem Heilungslehrer ausbilden lassen.
Heute bringe ich diese beiden Welten zusammen:
- Das biokinematisch Funktionelle
- Die Achtsamkeit
- Das Heilerische
Daraus sind meine eigenen Behandlungskonzepte und Ausbildungskonzepte entstanden. Und ehrlich gesagt: Ich habe das Gefühl, jetzt geht es erst richtig los.
Die 80/20-Regel bei Schmerzen
Im Interview kam dann schnell die Frage: Was bedeutet "Umparken im Kopf" bei Schmerzen konkret?
Die zwei Schmerzarten
Ich unterteile pauschal zwischen zwei Schmerzarten - und die Verteilung finde ich auch immer wieder in Gesprächen mit Allgemeinärzten bestätigt:
20% exogene Schmerzen
- Du hast einen Bruch
- Du hast eine offene Wunde
- Du hast eine Entzündung
Diese Schmerzen müssen mit herkömmlicher Schmerzmedizin behandelt werden. Da braucht es Wundversorgung, Desinfektion, Schmerzmittel - ob als Tablette oder Spritze. Die Schmerzmedizin ist hier extrem wichtig und absolut notwendig.
80% endogene Schmerzen
Das sind die funktionellen Schmerzen - und hier wird es interessant:
Bei diesen funktionellen Veränderungen siehst du nichts:
- Nichts im Röntgenbild
- Nichts im MRT
- Nichts im CT
Trotzdem haben die Menschen Schmerzen. Und genau hier greift die Biokinematik mit ihrem Verständnis vom funktionellen Zusammenspiel:
- Der Muskeln
- Der Gelenke
- Der Faszien
- Der Muskelketten
Das Muskelmännchen als Erklärmodell
Ich zeige meinen Patienten immer mein Muskelmännchen mit den Ketten, die ich da beklebt habe. Wenn das Zusammenspiel ausgewogen ist, dann bist du relativ schmerzfrei.
Wenn das Zusammenspiel gestört ist, kann es alles Mögliche geben:
- Schmerzen (ist nur ein Teil!)
- Schwindel
- Gefühlsstörungen
- Muskuläre Einschränkungen
- Bis hin zu muskulärer Lähmung
Das nenne ich "Umparken im Kopf" - ein Neudenken über eigene Schmerzen. Die meisten Menschen ist das völlig fremd, dass sie diese zwei Schienen haben:
- Die medikamentöse Schiene für die 20%
- Die funktionelle Schiene für die 80%, wo sie selbst was tun können oder wir als Therapeuten mit unseren Händen helfen können
Die schmerzende Stelle ist die gesündeste im Körper
Das ist ein altes, provokantes Postulat von Packi aus den 80er Jahren. Aber es ist aus Sicht der Biokinematik wirklich so.
Der Klassiker: Rückenschmerz
Fast alle Menschen kennen Rückenschmerzen - hinten im Lendenwirbelbereich, Kreuzbeinbereich, Hexenschuss.
Was man jahrelang gemacht hat:
- Hinten Wärme
- Rückenmuskeln trainiert
Was sich heute immer mehr durchsetzt: Du solltest auf der gegenüberliegenden Seite schauen, wo deine Bauchmuskulatur verkürzt ist. Du musst das hier vorne öffnen und die vordere Kette mit der hinteren Kette in ein Gleichgewicht bringen.
Wenn das gelingt, kannst du manchmal dem Schmerz beim Schmelzen zuschauen.
Das ergibt sich sowohl aus der mathematischen Durchdringung der Biokinematik als auch aus der Praxis.
Die analytische Berührung
Wir nennen das "analytisches Berühren": Du drückst hier vorne, wenn jemand einen Schmerz hinten hat. Wenn du die entsprechende Stelle findest, ist die Bewegung, die vorher im Rücken oder Nacken wehtat, auf einmal deutlich besser.
Die Patienten können das selbst erleben - diese Zusammenhänge sind nicht theoretisch, sondern direkt spürbar.
Das Märchen vom Dehnen
Im Interview kamen wir auch auf ein Reizthema bei mir: Das sogenannte "Dehnen".
Was die Studien sagen
Ich vertiefe mich regelmäßig in aktuelle Studien über das Dehnen. Die Fachzeitschrift "Der Schmerz" und andere Publikationen diskutieren das sehr kontrovers.
Was ich aktuell den Studien entnehme: Wenn man bei Muskeln überhaupt davon sprechen kann, dass sie sich dehnen könnten, hat das erst dann einen Effekt, wenn du 20 Minuten in einer Position bleibst. Dann hat es wirklich einen Effekt - aber das musst du erst mal aushalten.
Das spricht schon wieder für Yoga-Traditionen, wo du lange in Positionen bleibst.
Was Packi zur Physiologie sagte
Packi sagte immer wieder: Du kannst einen Muskel nicht dehnen.
Ein Muskel ist ein Bauteil, ein Getriebe. Du kannst einen Muskel:
- Stärken
- Auftrainieren
- Dicker trainieren
- Länger trainieren
Aber wenn ich an einem Muskel ziehe:
- Da ist kein Teig
- Das ist auch kein Gummi
- Der wird nicht länger, weil ich ziehe
- Da habe ich noch keine Sarkomere angebaut
Der Unterschied: Längentraining statt Dehnen
Wenn ich Muskelmasse aufbauen will: Ich brauche Gewichte, damit ich was drauflege.
Wenn ich Sarkomere anbauen will (länger trainieren): Ich muss den Muskel in eine lange Position bringen, dort fixieren und dann erstmal sanft dagegen arbeiten. Ohne dass dieser Widerstand weggeht - es muss wie eine Wand sein. Dagegen darf ich dann sanft arbeiten, später auch stärker. Dann trainiere ich meine Muskeln länger.
Warum das wichtig ist
Der Begriff "Dehnen" kommt aus der Physik. Wenn ich etwas dehne - einen Draht zum Beispiel - dann bleibt der länger. Aber dann ist er auch kaputt, weil er dünner wird und an Festigkeit verliert.
Das Problem in der Praxis: Die Patienten haben ein Bild im Kopf von "Dehnen", was physiologisch so nicht stimmt. Sie machen ein Training mit diesem falschen Bild und kommen nicht weiter.
Sie brauchen ein anderes Körperempfinden.
Und: Menschen bekommen dadurch häufig einen viel entspannteren, wohlwollenderen Umgang mit sich, wenn sie wegkommen von "Ich muss was dehnen, damit ich mir was Gutes tue." Das hat immer so eine harte Komponente.
Die verschiedenen Ebenen der Heilung
Im Interview kamen wir dann tiefer in die ganzheitliche Betrachtung.
Die Meridianpuppe und die Mechanik
Ich habe hier meine Meridianpuppe mit den Energieleitbahnen - jahrtausendealtes Wissen. Schon in den 90er Jahren hatte Walter Packi die Zusammenhänge erkannt von diesen Meridianpunkten zu einzelnen Behandlungspunkten, wo wir die Mechanorezeptoren berühren.
Es gibt oft Übereinstimmungen - nicht alle sind gleich, aber es gibt sie.
Die Forschung von Robert Schleip
Ich hatte mal ein tolles Telefonat mit Robert Schleip, dem Faszienforscher. Er sagte mir von seiner Forschungsgruppe: Wenn er an Meridianpunkten mit Nadeln arbeitet und dabei misst, wie sich Faszien verändern, dann konnte er sehen, dass an Meridianpunkten die Faszienlänge variiert.
Das kann man messen. Uraltes Wissen trifft moderne Wissenschaft - finde ich großartig.
Die emotionale und energetische Ebene
Durch mein Heiler-Netzwerk gehe ich noch weiter. Diese Meridianpuppe ist ja Ausdruck von einer Energieschicht um uns herum.
Aber dann haben wir noch:
- Emotionen (emotionale Energie)
- Mentale Energie
- Persönliche Energie
- Seelische Energie
Das berührt den Bereich der Psychosomatik - alles ist untrennbar verzahnt.
Wo du deine Aufmerksamkeit hast, da wirkst du
Ein alter Physiotherapeut sagte mir vor 30 Jahren etwas, das sich im Laufe der Jahrzehnte vertieft hat:
Es spielt nicht die Rolle, WAS du machst, sondern mit welcher Einstellung du rangehst, wo du dein Bewusstsein hast.
Wenn ich hier auf einem Punkt bin, kann ich:
- Mich auf den Mechanorezeptor konzentrieren
- Mich auf einen Reflexpunkt konzentrieren
- Mich auf ein Energiezentrum, ein Chakra konzentrieren
Je nachdem, wo du deine Aufmerksamkeit hast, da wirst du wirken.
Energy follows thought - Energie folgt dem Gedanken. Das hat eine praktische Auswirkung.
Die therapeutische Realität
Die meisten Therapeuten haben eine Vorliebe für bestimmte Ebenen, auf denen sie sich wohlfühlen:
- Manche arbeiten bevorzugt körperlich
- Andere arbeiten mit Verfahren wie Jin Shin Jitsu, Shiatsu
- Wieder andere arbeiten eher emotional-mental
Die allerwenigsten sind in allen Ebenen wirklich zu Hause.
Und das ist auch gar nicht schlimm! Du kannst dich auf eine Ebene fokussieren - du erreichst immer alle Ebenen.
Die innere Haltung macht den Unterschied
Selbst wenn ich "nur" am Iliopsoas behandle (ein Beckeninnenmuskel), ist da auch ein Kreuzbein-Energiezentrum, was viel mit Beziehung zu tun hat.
Aber selbst wenn ich das erst mal außen vor lasse und einfach mit der inneren Haltung behandele: "Dein Körper weiß schon, was er tut. Der wird sich entfalten."
Umso mehr wird das dich als ganzen Menschen berühren - mit all den Ebenen.
Chronische Schmerzen und die emotionale Komponente
Im Interview stellte der Therapeut eine wichtige Frage: Spielt die emotionale Komponente bei chronischen Schmerzen eine noch größere Rolle?
Das Schmerzgedächtnis
Absolut. Wir kennen es vom sogenannten Schmerzgedächtnis: Wenn du lange unter Schmerzen leidest, stellen sich bestimmte Verhaltensmuster, Schutzmuster ein.
Es wird Teil der Persönlichkeit:
- Teil des Bewegungsmusters
- Teil des Verhaltensmusters
Du hältst dich an der Treppe fest beim Hoch- und Runtergehen. Selbst wenn der Schmerz schon viel besser geworden ist, hältst du dich immer noch fest.
Ein Praxisbeispiel von letzter Woche
Meine letzte Patientin heute Morgen: Knieschmerzen hinten, Zysten in beiden Knien, seit letztem Frühsommer. Dann ist sie noch gestürzt.
Eine unglaubliche Angst hatte sich eingeschlichen:
- Vor Bewegung
- Vor Treppengehen
- Vor allem
Nach ein paar Behandlungen wurde das Treppengehen innerhalb von einer Woche um 80% besser.
Mein Vorgehen:
- Nach jeder Einheit lasse ich sie kurz die Treppe hoch und runter gehen
- Auch während der Behandlung lasse ich immer wieder vergleichen
- Nach 2 Wochen ging es schon ganz schnell zurück
Aber dann sage ich: "Gehen Sie bitte an Ihre Treppe zu Hause. Machen Sie ein paar Behandlungen selbst. Dann wird der Schmerz in dem Moment besser. Und jetzt gehen Sie die Treppe als Übung - stur hoch und runter."
Das angstfreie Erleben ist die Therapie
Sie erlebt: "Oh, tut ja jetzt viel weniger weh als vor 2 Wochen."
In dem Moment kann sie die Angst loslassen, weil kein Schmerz mehr da ist.
Dieses Erleben, dieses angstfreie Erleben - das ist Therapie.
Wenn sie jetzt keinen Schmerz mehr hat, aber immer noch in der Angst bleibt, dann:
- Bildet sich das zurück
- Setzt der Teufelskreis wieder ein
Sie muss es erleben, sich selbst erleben. Das ist eine ganz wichtige Komponente.
Mentale Arbeit reicht nicht
Im Interview kam dann eine kritische Frage zu Coaches und Mindset-Arbeit.
Das Problem mit "Ich bin reich, gesund und glücklich"
Ich kenne einen sehr populären Coach in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Der hat immer propagiert - ich sage es überspitzt: "Ich bin reich, gesund und glücklich" - man müsste es sich nur laut vorsagen, jeden Morgen im Wald, bis man es glaubt.
Das kann funktionieren. ABER:
Wenn in dir drin so ein armer kleiner Wicht steckt, der sich ganz verlassen fühlt - dieses kleine innere Kind, was verletzt ist - dann wird das immer lauter aufschreien: "Es stimmt gar nicht, mir geht es beschissen!"
Du wirst natürlich im Äußeren erstmal bestimmte Erfolge erzielen. Aber wenn du dieses kleine arme Kind nicht wirklich anschaust und dich dem widmest, hat es keine Substanz.
Es braucht das Erleben
Es braucht ein Erleben. Ich kann lange auf der Bank sitzen und meditieren - aber dann ist das Holz immer noch nicht gehackt.
Es muss irgendwas getan werden.
Neuroplastizität - die Anpassungsfähigkeit unseres Nervensystems, unseres Gehirns - entsteht durch Tun, durch Machen.
Wenn du dir das zusätzlich noch vorstellst, umso besser. Leistungssportler bei der Olympiade: Die sitzen abends und gehen mental jede Kurve, jeden Hügel durch. Und dann sind sie nachher umso besser, weil sie es verinnerlicht haben.
Aber sie müssen trotzdem die Piste runterfahren.
Achtsamkeit als Grundlage
Um überhaupt etwas sehen zu können - im eigenen Inneren - braucht man eine gewisse Fähigkeit der Achtsamkeit.
Das Problem: Es ist oft so, dass Menschen sagen: "Ja, ich hab schon immer was gemerkt, aber wirklich drauf geachtet hab ich nie."
Wie bringt man jemanden, der seit 70 Jahren nie drauf gehört hat, dazu, zu sagen: "Ich spüre jetzt das und das in meinem Körper, jetzt kann ich so und so reagieren"?
Ich bringe niemanden dazu
Meine Antwort: Ich bringe diesen Menschen gar nicht dazu.
Ich kann ihm:
- Ideen skizzieren
- Forschungen zeigen
- Übungen zeigen (Bodyscan, Achtsamkeitstools)
Aber das Entscheidendste: Der heutige Stand meines Nichtwissens ist: Wenn ich selber achtsam bin - mehr oder weniger - und ihm so begegne mit meiner Achtsamkeit, dann nehme ich ihn damit.
Wenn dieser Mensch bei mir erlebt, dass sein Gegenüber diese Achtsamkeit in einem stimmigen Maß für sich lebt - das ist, glaube ich, das Allerbeste, was ich tun kann.
Die therapeutische Interaktion
Du kennst diese therapeutischen Interaktionen - das ist immer sehr eng, sehr intim (in Anführungszeichen). Man ist zu zweit zusammen, ob online oder hier in der Praxis.
Die Persönlichkeit des Therapeuten, der Therapeutin - die wirkt immer, so oder so.
Ich habe natürlich auch ganz viel in meinem Werkzeugkasten:
- Physische Dinge
- Übungen
- Mentale Tools und Techniken
- Energiewissen
Aber ich glaube, dass alles sekundär ist gegenüber dem, was wir verkörpern, welche Resonanz wir im anderen auslösen.
Immer in dem Wissen: Das sind mündige Menschen, das sind Selbstheilungskräfte.
Das Beste, was wir tun können:
- Sie an ihre eigene Selbstheilungskraft erinnern
- Dass sie Lust haben, was zu machen
- Dass ihre intrinsische Motivation geweckt wird
Das geht manchmal am besten ohne Worte.
Walk Your Talk
Wenn ich mich selbst um mich kümmere, wenn ich das selbst ernst nehme - Walk Your Talk - wenn du die Sachen auch lebst, die du von dir gibst:
Das ist, glaube ich, das Hilfreichste, was wir machen können.
Und gleichzeitig nimmt das auch den Druck. Es konfrontiert mich damit, dass ich mich vielleicht noch auf eine bessere Art und Weise um mich kümmern darf.
Das Arthrose-Beispiel: Knochen auf Knochen
Im Interview kamen wir dann zum Klassiker: Arthrose.
Die typische Diagnose
Jemand hat Arthrose. Der Arzt sagt: "Ich hab Knochen auf Knochen. Das ist der typische Spruch: Es ist nichts mehr da, wir brauchen ein neues Gelenk."
Die Frage: Ist das exogen? Oder gibt es ja genügend Leute, die Arthrose haben und keine Beschwerden haben.
Die Studienlage ist eindeutig
Das ist tatsächlich so - die Studienlage ist eindeutig.
Es ist Tagesthema. Letzte Woche wieder: Röntgenbild, Knie. Normalerweise ist da der Meniskus dazwischen und der Knorpel, den wir nicht sehen.
Dann siehst du Röntgenbilder, wo:
- Knochen auf Knochen bewegt
- Die Knochen sich schon verdichtet haben (zum Beispiel an der Außenseite)
- Innen noch normal Knorpel ist
Und dann empfiehlt der Arzt 2 Prothesen.
Manchmal muss operiert werden
Manchmal muss operiert werden - das steht außer Frage. Manchmal gibt es nichts anderes.
Aber: Es gibt meiner Einschätzung nach sehr viel häufiger die Möglichkeit, trotz Knochen auf Knochen zu helfen.
Ein konkretes Beispiel
Eine Patientin, genau mit diesem Bild: Knochen auf Knochen.
Wir haben klassisch biokinematisch behandelt:
- Der Schmerz verschwand drastisch
- Ging drastisch zurück
- Innerhalb von 2 Wochen
Aber: Das Röntgenbild verändert sich in 2 Wochen nicht. Da bewegt immer noch Knochen auf Knochen.
Aber der Schmerz ist so gut wie verschwunden.
Die wöchentliche Aufklärung
Das ist das, worüber ich wöchentlich in meinen Online-Gruppen spreche. Es ist ein ganz großes Thema.
Dieses Bewusstsein wachzurufen: Das alleine - Knochen auf Knochen - ist nicht dein Todesurteil, dass du immer operieren musst.
Manchmal muss es sein, aber viel öfter muss es nicht sein.
Auch wenn Knochen auf Knochen bewegt - dann knirscht es halt ein bisschen. Das ist nicht nett, aber du kannst trotzdem schmerzfrei sein.
Mein 4-Wochen-Projekt
Wenn jemand zu mir kommt und sagt: "Ich hab schon alles probiert" - das kennen wir alle als Therapeuten.
Mein Vorgehen: Ich sage: "Okay, ich hab den ärztlichen Befund, ich hab die Physiotherapieverordnung. Lassen Sie uns 4 Wochen was machen - zweimal die Woche, wie ein Projekt."
"Wir schauen ganz genau hin. Wenn Sie auf diese Methode ansprechen, dann wird es in den ersten 2 Wochen passieren. In den 4 Wochen werden Sie einen Unterschied merken."
"Wenn Sie in den 4 Wochen gar nichts merken, dann können wir neu überlegen - ob wir einen Kollegen für Sie finden oder ob dann nicht doch die Operation dran ist."
Ich verspreche nie was - das wäre vollkommen unethisch, unmoralisch.
Die 10-Jahre-Geschichte
Meine letzte Erfahrung: Eine Frau hatte den OP-Termin in 4 Wochen terminiert. Sie sagte: "Ich hab von Ihnen gehört, lassen Sie es uns probieren."
Es ging relativ schnell weg. Sie hat den OP-Termin 10 Jahre rausgeschoben.
Letztes Jahr hat sie sich operieren lassen - und so lange hatte sie mehr oder weniger eine gute Zeit.
Bildgebende Verfahren sagen nichts aus
Die ganze Studienlage, die ich aufmerksam verfolge, zeigt:
Diese bildgebenden Verfahren alleine, diese Formveränderung, sagt nichts aus. Gar nichts. Über Schmerzen und deren Heilungsverlauf.
Wir müssen uns von dieser Fixierung auf diese ganzen Befunde trennen.
Am Wendepunkt im Leben
Der Interviewer fragte dann: "Heißt das, wenn Beschwerden länger anhalten, dauert es auch länger zu lösen?"
Theoretisch ja - praktisch nein
Theoretisch ja. Aber wir Menschen sind so unterschiedlich.
Wenn jetzt jemand 20 oder 40 Jahre Knieschmerzen hat und dann zu dir oder mir kommt:
- Es kann sein, der muss operiert werden
- Es kann aber auch sein: Dieser Mensch steht an einem Wendepunkt im Leben, wo er eh ganz viel verändert
Wo er merkt: "Ich hab keine Lust mehr, so wie bisher weiterzumachen. Ich möchte mich mehr um mich kümmern."
Wenn du einen Menschen an diesem Punkt begleitest und dann auch noch solche Therapieverfahren anwendest - dann kann es sein, dass er eben doch nicht operiert werden muss.
Es ist so vielfältig.
Die Studienlage bestätigt das
Die ganze Studienlage, die ich aufmerksam verfolge, sagt uns:
Diese bildgebenden Verfahren alleine, diese Formveränderung - sie sagt nichts aus über Schmerzen und deren Heilungsverlauf.
Die Abschlussfrage: Was jedem Menschen ans Herz legen?
Am Ende stellte der Interviewer die Frage: "Was wäre eine Sache, die du jedem Menschen ans Herz legen würdest?"
Zwei Dinge
Erstens: Sich seiner Angst stellen
Wenn es um Schmerzen geht:
- Dich informieren
- An den Punkt kommen, wo du keine Angst mehr hast
- Weil du Handlungsoptionen hast
- Weil du handeln kannst
Das sagen uns neuere Studien: Wenn du diese Eigenschaft hast - diese Angst zu verlieren - ist deine Prognose um ein Vielfaches besser.
Zweitens: Aus Freude raus gut mit deinem Körper umgehen
Ob du:
- Mein 5-Basisübungen-Programm machst
- Ein Yogaprogramm machst
- Was anderes machst
Hauptsache mit Lust.
Wenn du morgens aufstehst oder mittags oder abends und sagst: "Yes, ich mache das, weil das ist wie Zähneputzen, wie mich waschen - ich mach es gerne."
Wenn du da was findest - boah, dann ist ganz viel gewonnen.
Die Auto-Metapher
Ich habe dem Interviewer dann noch eine Metaphor gegeben:
Ich lebe hier in Süddeutschland, in der Nähe von Freiburg. Wenn ich nach Hannover mit dem Auto fahre...
Wenn ich jetzt ein Mercedes-Vertreter wäre und sage: "Nach Hannover kommst du aber nur mit unserer Mercedes-Palette, alles andere ist des Teufels."
Es gibt tausende von Autos! Wie du da hinkommst - ob mit dem:
Du kommst dahin.
Wie du dich dabei fühlst, ist was anderes. Aber:
Komm in Bewegung - ob mit der einen Methode, der anderen - aber komm in Bewegung.
Fühl dich in deinem Auto, in deinem Körper wohl. Ob das mit dieser oder jener Methode ist - das ist vollkommen sekundär.
Wenn Experten sagen "nur meine Methode"
Wenn Experten sagen: "Nur die Methode funktioniert" - das ist für mich Verkaufen oder Marketing.
Das hat nichts mit der eigentlichen Heilung zu tun.
Die Schluss-Botschaft
Der Interviewer fasste am Ende wunderbar zusammen:
"Die Message ist: Du darfst dich trauen, man darf ausprobieren, worauf ich überhaupt Lust habe - und dann darf ich da auch Vertrauen drin haben, dass es mir gut tut, wenn es sich sogar so anfühlt."
Genau das ist es.
Meine Reflexion zum Interview
Was mich an diesem Gespräch so gefreut hat:
- Die Qualität der Fragen - der Interviewer hat wirklich zugehört und nachgehakt
- Die gemeinsame Erfahrungswelt - er ist selbst Physiotherapeut und kennt die Praxis
- Die Offenheit - er war bereit, über den biomechanischen Tellerrand hinauszuschauen
- Die Resonanz - es gab mehrere Momente, wo wir uns einfach verstanden haben
Das sind die Gespräche, die mir Freude machen. Wo wir nicht Schema F abarbeiten, sondern wo wirklich ein Dialog entsteht.
Für dich zum Nachdenken
Ein paar Fragen, die du für dich mitnehmen kannst:
- Wo habe ich in meiner Arbeit eine "Lieblingsebene" (körperlich, energetisch, emotional)?
- Wie kann ich meine eigene Achtsamkeit vertiefen, damit sie sich auf meine Patienten/Klienten überträgt?
- Welche Ängste haben meine Patienten - und wie kann ich ihnen Handlungsoptionen geben?
- Wo fixiere ich mich vielleicht zu sehr auf Befunde statt auf das funktionelle Zusammenspiel?
- Was tue ich selbst aus Freude für meinen Körper - und lebe ich das vor?
Und jetzt?
Der Kongress findet im April statt. Ich halte dich auf dem Laufenden.
Aber unabhängig davon: Die Kernbotschaften gelten immer:
- 80% der Schmerzen sind funktionell - da können wir helfen
- Die Schmerztherapie fängt im Kopf an
- Bildgebende Verfahren sagen wenig über die Heilungsprognose aus
- Was du verkörperst, wirkt stärker als dein Werkzeugkasten
- Komm in Bewegung - egal wie
- Verliere die Angst - gewinne Handlungsoptionen
In diesem Sinne - eine inspirierende Woche! 🌟
Claus
P.S.: Wenn du Fragen zu einzelnen Punkten hast oder tiefer in bestimmte Themen einsteigen möchtest - schreib es in die Kommentare. Vielleicht nehme ich das als Inspiration für die nächsten Live-Calls oder Videos.