6:7 steht auf der Anzeigentafel. Ich gönne mir eine kleine Auszeit, mein Gegner muss seinem Frust über den 1. zwar gewonnen Satz aber mit einer Vielzahl von leichten Fehlern, Luft verschaffen und spricht erst mal mit dem einzigen Zuschauer der Partie, dem Turnierleiter und sagt ihm was schief läuft...
" der spielt viel zu langsam, mein Timing passt nicht ". Dann spiel doch einfach auch langsamer, dann machst du weniger Fehler...sagt der Turnierleiter zu ihn.
Wir verlassen beide den Platz und nach unserer Rückkehr muss ich erst mal ein neues Griffband auf meinen Babolat Ersatzschläger machen, der Schläger lag jetzt ein halbes Jahr ungenutzt in der Tasche und ist genauso überrascht über den Verlauf des Matches wie ich und freut sich jetzt mit neuem Griffband ins Geschehen eingreifen zu können.
Für 2026 hatte ich mit meinem Coach Tobi vereinbart, dass ich nicht mehr nur in Risikopyramide Stufe 1 und 2 spiele, nur auf Konstanz bedacht und vielleicht mit mehr Bällen in die schwächere Seite des Gegners, sondern dass ich ohne Rücksicht auf Spielstand und Ergebnis das im Match umsetze , was wir in 2025 trainiert hatten... Risikopyramide Stufe 3 und 4 , offensives Spiel , den Gegner laufen lassen, im Zeit wegnehmen, Serve +1, Serve and Volley, Netzattacken wann immer sich Gelegenheiten bieten.
Ich hatte in meiner Komfortzone gegen meinem Gegner mit Konstanz und Prozenttennis in 90 Minuten in an den Rand eines Satzverlustes gebracht und ihn mental völlig aus dem Gleichgewicht gebracht, weil er fast in jedem Spiel seinen Schläger quer über den Platz schleuderte, aber sollte ich so weiter machen.... eine Stimme in mir sagte : jetzt ist der richtige Moment dein neues Spiel zu testen, du fühlst dich gut, leicht wie eine Feder, mache es einfach, egal wie es ausgeht.. und ja ich war bereit über meinen Schatten zu springen und loszulegen..
Ich war an der Reihe den 2. Satz mit meinem Aufschlag zu eröffnen und ich tat es mit einem echtem Bums. Ich spielte einfach frech Serve and Volley und als ich mit dem 1.Aufschlag mein Körpergewicht nach vorne legte und die Linie runter servierte und einfach nach vorne stürmte , kam zu meiner Verwunderung gar kein Return über das Netz.
Ich hatte mein erstes Ass in der Partie geschlagen... es kam aus dem Nichts genauso wie mein Netzangriff.
Ich fühlte mich bestätigt, 15:0 , so könnte es ruhig weiter gehen..ich spielte von der Vorteilseite einen guten ersten Aufschlag weit nach außen auf die Rückhandseite des Gegners und den Return spielte ich im Feld stehend mit der Vorhand in die freie Ecke des Gegners (Spielzug großes V).
Es fühlte so an, als wenn ich nie etwas anderes gespielt hätte.. meine Gedanken schweiften kurz in die Vergangenheit ab " Warum hatte ich nicht früher so mutig gespielt und die Sache in die eigenen Hände genommen ? warum hatte ich immer auf die Fehler der Gegner gewartet ?" meine Routine holte mich zurück in die Gegenwart...du musst jetzt entspannen und dann den nächsten Aufschlag planen, soll ich wieder serve and volley spielen ? " ja mache es, sagte ich mir "und kurz darauf landete auch der nächste Aufschlag zum 40:0 in der Rückhand des Gegners und als ich nach vorne stürmte flog der Return an mir vorbei ins seitliche Aus.
Das 1. Spiel war in Rekordgeschwindigkeit mit Mut, Risiko und dem Überraschungsmoment zu 0 an mich gegangen. Jetzt war Stefan wieder dran und er nahm wie mit dem Turnierleiter besprochen, etwas Tempo raus und spielte sein Aufschlagspiel fehlerfrei zu 0 zum 1:1.
Bis zum 3:3 lief alles nach Plan. Ich spielte mein neues offensives Spiel und spürte wie Stefan dabei war sich auf diese neue Herausforderung einzustellen.
Das nächste Aufschlagspiel war hast umkämpft und es ging immer wieder hin und her bis ich durch einen leichten Volleyfehler am Netz das Aufschlagspiel zum 3:4 abgeben musste.
5 Minuten später war das Match vorbei, denn Stefan hatte sich jetzt vorgenommen ohne Fehler das Match schnell zu Ende zu bringen, bevor es wie im 1. Satz nochmal spannend wird und so musste ich mich nach 2 Stunden und 20 Minuten dem favorisierten, technisch überlegenen aber doch geforderten Gegner geschlagen geben.
Aber ich hatte ja nur an der Anzeigentafel verloren, in meinem Herzen und tatsächlich hatte ich über 2 Stunden mit einem Spieler aus den Top 100 auf Augenhöhe mitgehalten, trotz fehlender Vorbereitung, mit einem Ersatzschläger und im 2. Satz zum ersten Mal mit meinem offensiven neuen Spiel, es war einfach wie im Traum.. und ich war das ganze Match über nicht nervös, keine Beeinträchtigung der Performance durch Störungen, wie Netzroller, Schlägerwechsel, Ausrasten des Gegners, es konnte mich nichts aus der Ruhe bringen und ich spielte einfach gutes Tennis, zumindest für meine Verhältnisse, meine Fähigkeiten, es war " mein bestes Tennis" und wenn man ohne Störungen von außen sein bestes Tennis unter Matchbedingungen spielt, dann ist man im "Flow" und wenn ich ehrlich war, hatte ich schon immer danach gesucht, wie es ist wenn man einfach gut spielt, klar passiert auch mal eine kleine Unkonzentriertheit aber beim nächsten Punkt ist man wieder in der Zone..
Nach dem Match habe ich mich mit Stefan, der mega nett und auch sehr fair auf dem Platz war , noch unterhalten und er hat mir interessante Einblicke in unser Match und in mein Spiel gegeben aus seiner Perspektive.
Hier seine bemerkenswertesten Aussagen:
1 er war sich zu jedem Zeitpunkt des Matches sicher , dass er gewinnt. Das habe ich trotz seiner Emotionsschwankungen gespürt, denn immer wenn die Big points gespielt wurden, hat er sein bestes Tennis gespielt und ich war chancenlos
2 Er war überrascht, dass ich bei den vielen Satzbällen von ihm im ersten Satz nicht nervös geworden bin und diese abwehren konnte, weil die meisten Spieler hier mental schwächeln. Ja entspricht auch meiner Wahrnehmung, denn ich war bei den Satzbällen überhaupt nicht aufgeregt, sondern habe nur versucht gute Treffpunkte zu machen, was mir gelungen ist.
3 Er hat meinen Aufschlag und meine Vorhand gelobt. Ja auch das sehe ich genauso und ist genau das, was ich 2025 am meisten trainiert habe, als Stärken stärken war das Ziel.. Ziel erreicht.
4 Er fand meine Returnposition zu statisch und hat mir den Tipp gegeben, diese immer mal zu variieren, damit der Aufschläger nicht immer das gleiche Bild sieht und so in Ruhe aufschlagen kann.
Er hat immer wieder mal kurz meinem Aufschlag seine Returnposition verändert und habe selbst gemerkt, wie mich das beim Aufschlag ein wenig gestört und beschäftigt hat....
5 Er hat zugegeben, dass er mit meinen langsamen Bällen nicht klar kam und lange gebraucht hat, bis das Timing besser wurde.. er spielt im Training nur mit Spielern, die einstellige LK haben und richtig Gas geben und meine Bälle hatten dagegen etwas von Zeitlupe; sein Timing war daher besonders im 1.Satz eine Katastrophe, warum er auch den Schläger so oft aus der Hand verloren hat.
Vom Traum zur Wirklichkeit, mein bisher bestes Tennismatch und trotz Niederlage , glücklicher als bei den meisten Siegen im letzten Jahr..ist das nicht verrückt.. ich werde genau so weiter machen.. zumindest nehme ich es mir vor und besonders stolz bin ich darauf, dass ich endlich mein Versprechen gegenüber meinem Coach Tobi auch einlöst habe.. ich habe den 2. Satz so gespielt wie wir es trainiert haben , offensiv, mutig und ohne Rücksicht auf das Ergebnis und das war mein größter Entwicklungsschritt, und darauf bin ich stolz
Hier ein kleiner Einblick in das Offensivtraining aus 2025 , hier Matchpraxistraining :