Wie würde unsere Schrift heute aussehen, wenn sich Vorschläge der ersten Konferenz von 1876 durchgesetzt hätten? Damals war die tonangebende Strömung der sogenannte phonetische Ansatz („Schreibe, wie du sprichst!“), stark beeinflusst von den Brüdern Grimm. Hier sind die erstaunlichsten Beinahe-Alternativen, die damals ernsthaft diskutiert wurden: 1. Radikale Kleinschreibung (Die „Grimm’sche“ Variante) Jacob Grimm war ein glühender Verfechter der gemäßigten Kleinschreibung. Er hielt die Großschreibung von Substantiven für eine barocke Verirrung und Unart. - Der Plan von 1876: Es gab starke Tendenzen, alle Substantive (außer Eigennamen und Satzanfänge) kleinzuschreiben. - Heute würden wir schreiben: „das ist ein faszinierender artikel über einen meilenstein der deutschen sprachgeschichte.“ 2. Der totale Verzicht auf Dehnungs-Zusätze Nicht nur das th stand auf der Abschussliste, sondern fast jedes stumme, historische Dehnungszeichen. - Das Dehnungs-h: Wörter wie fehlen, stehen oder Ohr sollten ihr h verlieren, wenn es historisch nicht gerechtfertigt war. Man hätte felen, steen oder Or geschrieben. - Das lange i: Das ie sollte rigoros zusammengestrichen werden. Statt Liebe, Biene oder tief stand zur Debatte, einfach Libe, Bine oder tif zu schreiben (es sei denn, das e wurde historisch bedingt getrennt gesprochen). 3. Konsequente Lautschrift statt historischer Schreibung Die Formel „Schreibe, wie du sprichst“ sollte systemisch erzwungen werden. Das hätte vor allem die Unterscheidung von gleichklingenden Wörtern (Homophonen) pulverisiert: - Saiten (der Gitarre) und Seiten (des Buches) wären beide zu Seiten verschmolzen. - Lerchen (Vögel) und Lärchen (Bäume) wären beide zu Lerchen geworden, da man im Standarddeutschen keinen Unterschied im Vokal hört. Warum 1901 ein genialer Kompromiss war Wenn man sich diese Entwürfe von 1876 anschaut, versteht man plötzlich viel besser, warum die Konferenz von 1901 so weise war, minimalinvasiv vorzugehen.