Michael hat am Mittwoch im KI-Café ein eingängiges Bild gezeichnet: Viele Unternehmen behandeln KI wie ein Fitnessstudio-Abo. Die Mitgliedschaft ist bezahlt, und trainiert wird kaum. Er hat dazu die Bitkom-Befragung von 603 deutschen Unternehmen mitgebracht. Rund die Hälfte nutzt inzwischen KI, und gerade einmal drei Prozent sagen, dass sie das Potenzial stark ausschöpfen. Kein einziges Unternehmen gibt an, es voll zu nutzen, und 59 Prozent sagen ehrlich, dass sie überhaupt nichts davon heben. Michael nennt das eine Lizenzillusion, denn gekauft ist schnell, und gekonnt ist damit noch lange nichts. Was wir in der Praxis erleben Ich habe von einem Workshop mit Sachverständigen erzählt. Ein Teil der Gruppe war neugierig und wollte strukturiert Prozesse anschauen und Anwendungsfälle finden. Ein anderer Teil winkte bei jeder Idee ab, ob Recherche oder wiederkehrende Textbausteine im Gutachten, und sagte, das schreibe ich lieber selbst. Mein Weg mit dieser Gruppe führte über die Frage, wo es dich persönlich drückt, was dich nervt und was sich ständig wiederholt. Dort entsteht ein niedriger Einstieg, und aus dem ersten kleinen Erfolg wird oft ein „ach, geht ja doch”. Tanja kennt das Muster aus ihren Copilot-Schulungen. Unternehmen verteilen Lizenzen in der Breite, lehnen sich zurück und schauen, wer sie nutzt, und wer sie liegen lässt, verliert sie im nächsten Monat wieder. Den Mitarbeitenden sagt dabei niemand, was sie mit dem Werkzeug anfangen können, und selbst die kostenfreien Basisfunktionen bleiben unsichtbar. Selina und der Mut zur Reihenfolge Selina hat genau dieses Bild aus der Medizintechnik bestätigt. Lizenzen sind da, eine Schulung hat stattgefunden, und die Anwendungsfälle fehlen. Sie nennt das ein typisches Mittelstandsproblem und sieht dahinter ein deutsches Mindset aus Angst und Beschränkung, obwohl Regularien eigentlich unterstützen sollen. Ihre Kundinnen und Kunden führt sie Schritt für Schritt. Zuerst geht es darum, die heutige Arbeit schneller zu erledigen, zum Beispiel E-Mails zusammenfassen oder nach dem Urlaub die wichtigsten Nachrichten herausfiltern. Danach kommt die Frage, ob ein über Jahre gewachsener Prozess überhaupt noch wertvoll ist und vor jeder Automatisierung glattgezogen gehört.