Das ist ein Thema, über das ich mir immer wieder viele Gedanken mache - und heute bin ich auf einen Beitrag gestoßen, der einiges davon gut in Worte fasst!
Das Autismus-Spektrum ist groß und reicht von (auf den ersten Blick) hochfunktionalen und hochintelligenten Menschen - bis hin zu nonverbalen Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen.
In unserer Familie ist die Neurodivergenz nicht auf den ersten Blick ersichtlich - zumindest nicht für Menschen, die sich in der Thematik nicht auskennen. Wir funktionieren alle verhältnismäßig gut und brauchen keine offensichtliche Unterstützung.
Wenn man tiefer blickt, erkennt man aber, welche Auswirkungen das - und damit verbunden wenig Verständnis und Erleichterungen im Alltag - für unseren Körper, unsere Psyche, unseren Energiehaushalt und unseren Selbstwert nach sich zieht.
Und auch wenn wir immer alles "irgendwie" hinkriegen - der Preis ist hoch und wir haben viele Fragezeichen im Kopf in einer Welt, die für viele eigentlich ganz gut zu funktionieren scheint. Und selbst wenn es Vorteile mit sich bringen kann, mehr wahrzunehmen, komplexer zu denken und intensiver zu fühlen als andere, ist es im Alltag oft auch hinderlich - besonders wenn man nie einen gesunden Umgang damit gefunden hat.
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Und dann stoße ich auf auf Beiträge von Autisten, die wirklich schwer beeiträchtigt sind. Und frage mich, ob ich neben diesen das Wort Autismus überhaupt für uns verwenden darf - weil unsere Leben trotz aller Herausforderungen nur wenig mit derer Lebensrealität gemein hat.
Konkret denke ich dabei an zwei Instagram-Accounts, die mir sehr am Herzen liegen: Stories about Autism und Twin Tides & Autism Vibes, in denen zwei getrennt lebende Elternteile über den Alltag ihrer autistischen Söhne berichten. Auch wenn wir unser Leben 100% auf die Bedürfnisse unsere Kinder ausgerichtet haben und selbst sehr daran arbeiten müssen, das gemeinsam mit unseren eigenen Challenges halten zu können, ist das für mich dennoch ein sehr anderes Level.
Trotzdem überlege ich oft, ob es nicht auf manchen Ebenen einfacher wäre, so offensichtlich autistisch zu sein, weil man eben leichter Verständnis und Support bekommen (ob dies ausreichend ist, bleibt natürlich fraglich). Dasselbe gilt natürlich im Kontext AuDHS.
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Die Autorin, die selbst Kinder mit Autismus Level 3 hat, drückt aus, dass es ist nicht unbedingt schwerer als Level 1 ist - sondern einfach anders.
Beide haben Heausforderungen mit Freundschaften, aber die einen realisieren gar nicht, dass sie keine Freunde haben, und die anderen fühlen die Einsamkeit.
Beide sind oft Außenseiter, aber die einen erkennen vielleicht gar nicht, wenn jemand sich über sie lustig macht, während die anderen davon sehr verletzt sind.
Beiden wird ignoriert - bei schwer beeinträchtigten Menschen werden oft die Stärken übersehen, und bei Level 1 Autist:innen Herausforderungen nicht anerkannt.
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Die Intensität von PDA ist meiner Meinung nach unabhängig vom Schweregrad der Neurodivergenz.
Während wir zwar mit vielen Herausforderungen (Sensorisch, repititives Verhalten, Perspektivenübernahme, Impulsivität, Exekutivfunktion, Spannung zwischen unterschiedlichen Extremen) konfrontiert sind, halten sich die Beeinträchtigungen in Grenzen - mit Sicherheit aber auch durch unser selbstbestimmtes Leben.
Den extremen Drang nach Autonomie und den Kampf nach "Befreiung" und Ausleben der eigenen Identität sowie das Bedürfnis nach Co-Regulation würde ich in unserer Familie hingegen als sehr intensiv bezeichnen. Die Dynamiken dabei sind unterschiedlich - vom Kämpfen zur Erfüllung von Bedürfnissen über offene Vermeidung und Verweigerung bis hin zu verschiedensten, teils sehr subtilen, sozialen "Strategien".
Die emotionalen Aus- und Einbrüche sind aufgrund unserer Anpassungen um vieles weniger geworden. Und ich bin überzeugt, dass wenn frühzeitig gehandelt werden kann, das ganze dramatische Ausmaß von PDA gar nicht erst zum Vorschein kommen muss.
Teilt gerne eure Gedanken oder eigene Erfahrungen dazu!
Alles Liebe, Martina 🌻