Ich war ein begabtes Kind.
Mit einem Jahr konnte ich bereits 16 Wörter sprechen, singen und mit zwei Jahren spielte ich schon „Alle meine Entlein“ am Klavier.
Für meine Eltern und mein Umfeld war schnell klar, dass Musik einmal eine große Rolle in meinem Leben spielen würde.
Mit zehn Jahren hatte ich mein erstes Vocalensemble und die nächsten vier Jahre gewannen wir nahezu jeden Gesangswettbewerb, an dem wir teilnahmen.
Dann war ich 14 und wurde am Musikgymnasium der katholischen Privatschule in Linz aufgenommen. Für mich – oder besser gesagt für meine Eltern und mein Umfeld – kam eigentlich gar nichts anderes infrage, schließlich war ich ja sooo talentiert. Damals spielte ich Horn.
Ich wohnte im Internat der Nonnen und dort gab es ein kleines Zimmer mit einem Pianino. Dort saß sie. Meine neue Mitschülerin.
Bis zu diesem Zeitpunkt dachte ich, ich wäre begabt und dass mir Musik einfach zufliegt. Dann hörte ich sie Klavier spielen. So hatte ich bis dahin noch niemanden spielen gehört. Und dann begann sie zu singen. Auch so etwas hatte ich bis dahin noch nie gehört.
Es war sofort klar, dass sie von nun an der Star sein würde. Und ich hatte die Wahl: Entweder ich werde Teil davon oder ich werde Außenseiter.
Die nächsten zwei Jahre war ich eigentlich nur damit beschäftigt, dazuzugehören. Sie begann zu komponieren, stellte eine Band auf die Beine und brauchte eine Backgroundsängerin. Natürlich war ich dabei.
Es dauerte nicht lange, bis wir die ersten Auftritte hatten. Ich glaube, ich war 16, als wir beim größten Newcomer-Wettbewerb Österreichs mitmachten und das Ganze auch noch gewannen. Wir waren Vorband von Tito & Tarantula, standen auf der FM4-Bühne beim Donauinselfest, gewannen 10.000 Euro Preisgeld und eine CD-Produktion.
Ich hatte sogar selbst einen Song geschrieben und durfte ihn bei unseren Auftritten live singen.
Dann kam die CD-Aufnahme.
Ich weiß heute gar nicht mehr genau, wie das damals alles ablief. Vielleicht habe ich vieles auch verdrängt.
Was ich aber nie vergessen werde, ist der Moment, in dem mein System zum ersten Mal mit tiefster Ablehnung in Kontakt kam.
Sie fuhr mit der ganzen Band nach Wien und nahm meinen Song auf.
Ohne mich.
Ab diesem Moment war ich kein Teil dieser Band mehr und auch nicht mehr Teil ihres Lebens. Ich bekam keinen Anteil am Preisgeld, Nichts.
Was blieb, war nicht nur das Gefühl von Ablehnung. Mir wurde auch vermittelt, dass ich selbst an allem schuld sei.
Zwei Jahre später traf ich sie wieder. Das Einzige, was sie zu mir sagte, war:
„Ich streue kein Salz mehr in ihre Wunden.“
Ich weiß noch, wie fassungslos ich über diese Opfer-Täter-Umkehr war.
Heute, fast 25 Jahre später, ist von all dem eigentlich nur ein Satz übrig geblieben:
Ich war nie wirklich gemeint. Und ein großes "Warum". Was hatte/ habe ich an mir, dass sich Menschen so von mir bedroht fühlen?
Später ging es mir ähnlich mit meiner Coverband, nach meiner Babypause wurde ich einfach die eine "weniger aufmüpfige" Sängerin ausgetauscht.
Mein Satz aus der Aufstellung am Montag lautete:
„Wenn nicht ich gemeint bin, stehe ich auf und gehe, bevor mich jemand missbraucht, nur um dazuzugehören. Ich setze meine Grenzen früher und klarer.“
Und er fühlt sich so garnicht nach Vergebung an..