Und trotzdem will jemand 133.000 Lebensversicherungsverträge unbedingt kaufen...
Warum?
Genau diese Frage finde ich an der geplanten Übernahme von Athora Deutschland durch Frankfurter Leben viel interessanter als die eigentliche Meldung.
Denn die Süddeutsche Zeitung beschreibt einen Bestand, bei dem man zunächst nicht unbedingt Schlange stehen würde:
Die Gewinne von Athora seien in den vergangenen Jahren „eher bescheiden“ gewesen.
Die IT gelte als „stark veraltet“.
Frankfurter Leben muss die Bestände nach der Übernahme auf das eigene IT-System migrieren.
Das kostet Geld.
Und trotzdem:
Frankfurter Leben kauft.
Unterstützung kommt von DWS, einer Tochter der Deutschen Bank.
DWS stellt Frankfurter Leben über eine sogenannte Restricted-Tier-1-Anleihe Kapital zur Verfügung. Laut SZ dürfte es um rund 40 Millionen Euro gehen.
Natürlich nicht umsonst.
DWS erhält Zinsen.
Und damit nicht genug:
DWS soll anschließend gegen Gebühren einen Teil der Kapitalanlagen von Frankfurter Leben verwalten.
Also noch einmal ganz langsam:
Ein Lebensversicherungsbestand mit eher bescheidenen Gewinnen und veralteter IT wird verkauft.
Der Käufer muss Geld und Arbeit in die Migration stecken.
Für die Finanzierung werden Zinsen fällig.
Ein externer Vermögensverwalter bekommt für die Verwaltung eines Teils der Kapitalanlagen Gebühren.
Und trotzdem lohnt sich das Geschäft offenbar für den Käufer.
Mehr noch:
Frankfurter Leben verspricht den Kunden nach der Migration besseren Service und niedrigere Kosten.
Das kann durchaus funktionieren.
Aber genau deshalb würde ich als Kunde gerne die Rechnung verstehen.
Wo entsteht so viel wirtschaftlicher Vorteil, dass sich Kaufpreis, IT-Migration, Finanzierungskosten und zusätzliche Gebühren rechnen – und gleichzeitig noch niedrigere Kosten für den Kunden möglich sein sollen?
Nach der Übernahme wird Frankfurter Leben rund 800.000 Kunden und etwa 17 Milliarden Euro Kapitalanlagen verwalten.
Und plötzlich versteht man vielleicht besser, warum Lebensversicherungsbestände überhaupt gehandelt werden:
133.000 Verträge sind nicht nur 133.000 Altersvorsorgen.
Sie sind auch ein wirtschaftlich verwertbarer Bestand.
Mit Kapitalanlagen.
Mit Kosten.
Mit Gebühren.
Mit Finanzierung.
Und mit Ertragspotenzial.
Vor sechs Tagen habe ich hier darüber geschrieben, dass sich der Kunde bei seiner Altersvorsorge für Jahrzehnte bindet.
Dieser Fall ergänzt einen wichtigen Punkt:
Während der Kunde seine Altersvorsorge sieht, sehen andere Marktteilnehmer offenbar auch ein Geschäftsmodell.
Daran ist zunächst nichts Verwerfliches.
Aber verstehen sollte man es.
Denn am Ende stammt das Geld, über das hier gesprochen wird, aus einem einzigen System:
den Verträgen der Kunden.